Wir wollen Friedensstifter sein

 

Rede unseres Bataillonskommandeurs Arvid Weber anlässlich des 175-jährigen Bestehens der Bürgerschützengilde Marl-Sinsen

Verehrte Damen und Herren,

liebe Schützenschwestern und Schützenbrüder,

der herzlichen Begrüßung unseres Präsidenten schließe ich mich gerne an. Danke, dass Sie anlässlich unseres 175-jährigen Jubiläums alle hergekommen sind. Unser Präsident Peter Klemm führte Sie gerade in seiner Rede mit durch unsere Geschichte. Von 1843 und früher bis heute.

Während sich damals Männer zum Schutze ihrer Dörfer zusammenschlossen, darf man sich heute hingegen schon die Frage stellen, welche Aufgabe Schützenvereine überhaupt noch haben. Haben sie überhaupt noch eine Aufgabe? Oder sind sie gar überflüssig geworden? Schließlich hat unser Staat inzwischen alleine das Gewaltmonopol und ist verpflichtet, uns, seine Bürgerinnen und Bürger zu schützen. Deutschland gehört zu den sichersten Ländern der Welt. Wir Schützenvereine brauchen unsere Stadtteile also nicht mehr zu beschützen und das ist auch gut so.

Es war jedoch nie der Schutz der Bevölkerung alleine, der sich die Schützen verschrieben haben, sondern neben dem auch immer der Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Dies lässt sich alleine auch daran festmachen, dass sich die Männer ohne Rücksicht auf ihren Beruf oder sozialen Stand gemeinsam als Schützen zusammenschlossen.

Es ist also die Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts, die uns Schützen bis heute noch als Aufgabe geblieben ist. Aber auch hier sei die Frage formuliert: Braucht es einer solchen Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts überhaupt? Oder ist auch das überflüssig?

Ich als jemand, der in der dritten Generation nach dem zweiten Weltkrieg aufgewachsen bin, kenne vor allem den Frieden und ein friedliches Zusammensein. In der Oberstufe des Gymnasiums dachte ich eigentlich noch, dass Krieg, Gewalt und gesellschaftlicher Unfrieden etwas alleine für die Geschichtsbücher bleiben würde. Oder zumindest habe ich dies gehofft. Und was sagen Sie? Wie steht es aktuell um unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt?

Ich meine, dass da etwas in Bewegung gekommen ist. Und das nicht gerade zum Positiven. Ich mache das unter anderem an Zitaten aus öffentlichen Debatten fest. Da wird davon gesprochen, dass eine türkischstämmige Deutsche nach Anatolien zu „entsorgen“ sei. Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin wird als „Denkmal der Schande“ bezeichnet. Die nationalsozialistische Diktatur und der Holocaust seien nur ein „Vogelschiss“ in der langen deutschen Geschichte. Da werden Menschen abfällig als „Kümmelhändler“ und „Kameltreiber“ bezeichnet. Die Liste solcher Äußerungen ließe sich beliebig lang fortsetzen, fast wöchentlich dieserlei Provokationen.

Da gibt es Menschen, die rütteln aktuell kräftig an unseren aller freiheitlichen Grundwerten. Bewusste verbale Grenzüberschreitungen, die Verrohung der Sprache sind Teil der Strategie. Die Grenzen des Sagbaren sollen verschoben werden. Das sind geistige Brandstifter. Menschen die spalten und einen Sündenbock für alles mögliche suchen und andere Menschen dazu verführen, sich völlig unversöhnlich einem anderen Teil der Gesellschaft entgegenzustellen. Das ist sie: Die Gefahr der Spaltung der Gesellschaft. Sie aktuell und da. Aktueller denn je nach dem zweiten Weltkrieg.

Die Väter unseres Grundgesetzes schrieben in Artikel 1 Absatz 1 des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Der Satz ist jedoch mehr Anspruch an den Staat gegenüber seinen Bürgern, also uns, sowie für die uns untereinander, als ein Fakt: Denn nirgendwo anders wurde der Beweis, dass die Würde des Menschen verletzbar ist, gründlicher geführt als im 20. Jahrhundert auf deutschen Boden. Daher dieser Anspruch an uns selbst. Das ist die zentrale Lehre aus dem zweiten Weltkrieg und dem Holocaust niedergeschrieben im wohl wichtigsten Artikel unserer Verfassung.

Insbesondere vor dem Hintergrund unserer Geschichte sind Hetzparolen, wie die genannten, die Mitmenschen verunglimpfen, unerträglich.

Glaube – Sitte - Heimat, das ist das Motto, das zahlreiche Schützenvereine verbindet. Wir meinen, wir sind nicht nur uns Menschen gegenüber zu einem friedlichen Zusammenleben verpflichtet, sondern auch einem höheren Wesen, unserm Gott. Im ersten Buch Mose in der Bibel heißt es in Kapitel 1 Vers 24: „Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn.“ [ZITATENDE] Gott schuf uns als Ebenbild seiner selbst. In uns allen schlummert also etwas Göttliches. Und schließlich heißt es im Johannesevangelium Kapitel 13 Vers 34 „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.“ [ZITATENDE] Gott macht hier keine Unterscheidung zwischen den Menschen, so auch nicht nach ihrer Herkunft. Das Gebot der Nächstenliebe ist universelles Gesetz Gottes. Wer sich daher feindlich gegen einen anderen Menschen richtet, richtet sich ebenso feindlich gegen Gott selbst.

Die Hetzer in unserem Land wollen nach ihrer eigenen Aussage das christliche Abendland retten. Dabei klassifizieren sie Menschen je nach Herkunft in bedeutsam und unbedeutsam. Mich als gläubigen Christen macht das zutiefst wütend. Denn Anfeindungen, Hetze und Hass haben mit unserem Christentum überhaupt nichts zu tun. Hier wird unsere friedliche Religion nur als Deckmantel instrumentalisiert und gehofft, alle Menschen seien so doof, hierauf reinzufallen. Dass die biblische Überlieferung von Maria, Josef und Jesus selbst eine Flüchtlingsgeschichte schreibt, sei nur am Rande erwähnt.

Wir als Schützen nehmen unsere Aufgabe der Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts sehr ernst. Und daher benennen wir klar und deutlich, was diese geistigen Brandstifter sind: Sie sind Rassisten - von denen wir uns unsere vielfältige und friedliche Heimat nicht kaputt machen lassen. In unsere Gilde und in unserer Gesellschaft ist kein Platz für diese Rassisten. Als Schützen werden wir hier keine Toleranz für die Intoleranz zeigen, sondern diesen deutlich Paroli bieten.

Dies öffentlich und lautstark und so oft es sein muss. Vermutlich werden wir hier als Schützenvereine in den nächsten Monaten und Jahren deutlich stärker gefragt sein als in der Vergangenheit. Wir werden uns nicht vor Rassisten wegducken, sondern diese entlarven. Jenen hingegen, die sich von den Hetzern haben verführen lassen, wollen wir die Hand zurück in die Mitte der Gesellschaft reichen. In eine Gesellschaft, in der anerkannt wird, dass sich viele Menschen trotz unterschiedlicher Meinungen für eine gerechtere Gesellschaft einsetzen und sich viele Menschen ehrenamtlich und aus einer guten Absicht heraus für das Gemeinwohl einsetzen.

Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt bedarf es jedoch nicht nur großer und deutlicher Worte, sondern vor allem Taten. In dieser Woche habe ich auf Facebook den folgenden Spruch gelesen: „Auf Veränderungen zu hoffen, ohne selbst etwas dafür zu tun, ist wie am Bahnhof zu stehen und auf ein Schiff zu warten.“ Ich fand, dieser Spruch passt ganz gut zu uns Schützen. Denn wir Schützen sind Macherinnen und Macher.

Gesellschaftlicher Zusammenhalt, das ist ein stetiger, sozialer Prozess. Das unser friedliches Miteinander nicht selbstverständlich ist, sondern stets was dafür getan werden muss, das merken wir aktuell recht deutlich.

Gesellschaftlicher Zusammenhalt im Konkreten bedeutet vor Ort unter anderem, Gemeinwohlorientierung, gelebte Solidarität und Hilfsbereitschaft. Es bedeutet alle Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit zu akzeptieren und ihnen allen umfassende Teilhabemöglichkeiten vor Ort zu geben. Der soziale Zusammenhalt erwächst aus dem Bewusstsein des Aufeinanderangewiesenseins trotz oder gerade wegen der bestehenden Unterschiedlichkeiten innerhalb unserer Gesellschaft. Er erwächst dort, wo auch neuen Menschen vor Ort das Gefühl des Willkommenseins gegeben wird, sodass sie sich schon bald selbst zugehörig fühlen.

Ich meine, dass Schützenvereine dies ganz gut leben. In welchem anderen Verein treffen Jung und Alt, Handwerker und Akademiker, Arbeitslose und Studenten in dieser Form aufeinander?

In unserer Gilde spielt es keine Rolle, ob man Arzt oder Tischler ist. Beide sind mit ihren individuellen Stärken und Schwächen gleich wichtig und gleich viel wert. Sie tragen beide die selbe Menschenwürde und haben beide den gleichen Respekt verdient. Das Zusammenkommen unterschiedlicher Menschen fördert das Verständnis für die Probleme des Anderen. Und nicht selten ist das, was für den einen Schützen ein großes Problem bedeutet, für den anderen ein Einfaches.

Das ist der Platz für gelebte Hilfsbereitschaft und die einladende Hand für neue Menschen in Sinsen. Schützenvereine das sind keine elitären Zusammenschlüsse alleine für reiche Leute. Das einzig Entscheidende ist, ob ein Mensch – im Ruhrgebiet sagen wir – korrekt ist oder ob der ordentlich tickt, das Herz also am Rechten Fleck hat, kein Egoist ist. Das meint sicherlich auch ein wenig das Wort „Sitte“ aus unserem Schützenmotto. Genau aus diesem Grund haben wir in Sinsen in den letzten Jahren ein Modell entwickelt, dass es jedem finanziell ermöglicht König oder Königin zu werden. Das ist uns sehr wichtig. Und seit 2012 können auch Frauen bei uns in die Gilde eintreten, weil wir meinen, dass wir für einen umfänglichen Zusammenhalt auch die Frauen brauchen, wennauch wir das Traditionsargument anderer Vereine anerkennen.

Schützen wollen andere Menschen verstehen. Nicht nur vor Ort, sondern auch anderswo. Daher gehen Schützenvereine Partnerschaften eine. Wir habe eine Partnerschaft mit der 3. Kompanie der Sankt Johannes Schützenbruderschaft Salzkotten. Das sind hier die gut aussehenden Männer in den weißen Hosen. Liebe Freunde, schön dass Ihr zu uns gekommen seid. Salzkotten liegt bei Paderborn. Ungefähr 130 Kilometer Entfernung.

„Nur 130“ könnte man sagen, trotz dieser überschaubaren Distanz habt ihr und wir jedoch ganz andere Sorgen und Herausforderungen vor Ort. Aber es tut, gut, dass wir uns diese gegenseitig anerkennen, das erweitert den eigenen Horizont.

Liebe Anwesende,

ich möchte Ihnen sagen, wenn wir nach Salzkotten fahren, dann fühlt sich das eigentlich so an wie „nach Hause fahren“. Und auch hier ist wieder alleine wichtig, ob man ein korrekter Mensch ist. Beruf oder soziale Lage spielen nicht im Geringsten eine Rolle und das ist gut so. Weiterhin auf so eine tolle Partnerschaft, liebe Freunde!

Was wären die Schützen jedoch ohne die Menschen vor Ort? Schützenvereine wollen keine abgeschlossene Blase sein. Wir suchen den Kontakt zu anderen Menschen und Vereinen.

Daher sind wir unserem Ehrenkommandeur Winfried Kalle noch heute sehr dankbar, dass er 2010 federführend die Sinsener Runde in’s Leben gerufen hat und bis Anfang diesen Jahres der Sprecher dieser war. Nun wird sie von Karl-Heinz Fenske, ebenfalls Schützenbruder, gewissenhaft weitergeführt.

In der Sinsener Runde treffen sich regelmäßig, Kindergärten, Grundschule, Vereine, Parteien und Verbände aus Sinsen, um sich über die Belange des Stadtteils auszutauschen, Termine zu koordinieren und gemeinsame Aktionen zu planen. Auch interessierte Bürgerinnen und Bürger sind herzlich willkommen.

Das Kränzen des Maibaums sowie der Sinsener Winterzauber sind die größten gemeinsamen Aktionen. Vielleicht haben Sie am Ortseingang aus Recklinghausen das „Willkommen in Sinsen“-Schild gesehen. Das ist die neuste Aktion der Sinsener Runde. Noch zwei weitere dieser Schilder werden aufgestellt. Für uns Schützen ist die Sinsener Runde nicht nur eine Beschäftigung am Rande. Sie gehört zum festen Bestandteil unserer Arbeit. Und wir sind auch ein wenig stolz darauf, so etwas tolles in unserem Stadtteil zu haben.

Wir sind froh und dankbar, dass wir 2015 hier in unser Vereinsheim in unmittelbarer Nähe ziehen durften. Unser Heim haben wir von Anfang an als „Offenes Haus für den Stadtteil“ gesehen. Wir freuen uns, dass Vereine unser Haus für Veranstaltungen nutzen und auch Privatpersonen können bei uns ihren Geburtstag oder anderes feiern.

Als Gilde haben wir die Aufgabe der Erhaltung sowie die Pflege dieser Gedenkstätte übernommen. Nicht aus unserem Jahresprogramm wegzudenken sind unsere Veranstaltungen anlässlich des Volkstrauertags am selben Ort. Wir wollen den Opfern aller Kriege erinnern und ein Zeichen setzen: Für Frieden, für Liebe und für ein Miteinander.

Traditionell sammeln wir Schützen in der Karnevalszeit in Sinsen verkleidet bei unserem „Heischgang“ Spenden für eine wohltätige Organisation in Marl. Im vergangenen Jahr für das Clarahospiz, in diesem Jahr für die Marler Tafel. Wir freuen uns, dass Sie, Frau Kampe, heute als Vorsitzende der Marler Tafel persönlich hergekommen sind, um am Ende dieses Festakts unsere Spende für die Marler Tafel entgegenzunehmen.

Liebe Gäste,

Sie sehen, der gesellschaftliche Zusammenhalt ist uns wirklich ein Herzensanliegen, vor Ort bemühen wir uns, wie wir können. Sicherlich können wir unser friedliches Sinsen nicht alleine bewahren, sondern nur gemeinsam mit den anderen Vereinen und den Bürgerinnen und Bürgern und genauso muss das auch sein. Wir geben Ihnen jedoch unser Wort, dass Sie in dieser Frage auch in den nächsten Jahren auf Ihre Bürgerschützengilde Marl-Sinsen zählen können.

Verehrte Damen und Herren,

lieber Herr Hovenjürgen, ich möchte Ihnen allen sagen, als Gilde haben wir uns wirklich sehr über die Ankündigung, mit der Ehrenplakette des Landes NRW für besonderes ehrenamtliches Engagement ausgezeichnet zu werden, gefreut.

Die große Freude deshalb, weil wir als Schützenvereine oftmals keine große öffentliche Anerkennung erhalten, für das was wir tun, vermutlich weil viel Arbeit von uns im Kleinen nicht gesehen wird. Uns tut zudem manchmal weh, dass wir von Teilen der Menschen auf das Biertrinken und das Schießen reduziert werden. Ich bin mir sicher, dass auf unseren Festen nicht mehr Bier konsumiert wird, als anderswo. Und alle, die das Schießen als „gewaltverherrlichende Ballerei“ ablehnen, die möchten wir Montags und Donnerstags zu unseren Übungsabenden zum Luftgewehrschießen einladen. Sie werden verwundert sein, wie ruhig und konzentriert es dabei zugeht. Beim Schießen geht es um Disziplin, Ausdauer und eine starke Psyche. Raum für böse Lüste hat der Schießsport der Schützen überhaupt keine. Der Gesetzgeber gibt uns hierfür strenge Vorschiften vor und das ist auch gut so.

Aber wie schwer das Schießen ist, dass können Sie heute ab 14 Uhr alle selbst erleben. Wer den Vogel runterholen möchte, holt ihn noch lange nicht runter: Hier ist Können gefragt und ein klarer Kopf. Wir würden uns freuen, wenn viele unser historisches Angebot gleich annehmen und beim Schießen um die Königswürde für einen Tag in Sinsen auch als Nichtschützenmitglieder mitmachten. Herzliche Einladung an Sie alle!

Es bleibt mir nur noch Danke zusagen, allen Schützenschwestern und Schützenbrüdern, die sich in Sinsen für die gute Sache einsetzen ebenso wie unseren Unterstützern.

175 Jahre das ist eine lange Zeit. Bei dem Herzblut der Sinsener Schützen ist mir um Zukunft unserer Gilde nicht Bange. Wir werden auch in den nächsten Jahrzehnten Menschen zusammenbringen und damit fangen wir bei unserem Sinsener Dorffest heute und morgen an. Wir wollen gemeinsam tanzen, singen, feiern. Ob Jung oder Alt, gemeinsam werden wir zusammen Spaß haben. Bei unserem Fest soll niemand alleine einsam in der Ecke stehen müssen, dafür wollen wir alle gemeinsam sorgen.

Wenn wir uns etwas von den Menschen vor Ort wünschen dürften, dann dass Sie möglichen Vorbehalten von anderen gegenüber uns Schützen entgegentreten und sagen, „Die machen schon eine echt gute Sache für Sinsen. Unsere Schützen das sind Friedensstifter.

Herzlichen Dank!